31.08.2011

Vodafone: Statt Festnetz LTE

Starke Worte von Vodafone-Chef Friedrich Joussen: Er will weg vom Kabel – stattdessen soll die neue Mobilfunktechnik LTE dem Vodafone-Kunden alles bringen, was er braucht.

Wer einen Kabelanschluss bei Vodafone hat, soll auf LTE umsteigen. Kunden die den Kabelanschluss behalten wollen, könnte man an ein anderes Unternehmen weiterreichen, so Joussen in einem Gespräch mit der in Frankfurt erscheinenden „Börsen-Zeitung“.

Mit dieser Kundenverschiebung kann Vodafone sich Jahr für Jahr die 500 Millionen Euro ersparen, die man derzeit an die Deutsche Telekom für die Nutzung von deren Festnetz-Einrichtungen bezahlt. „Heute verdient die Telekom an unseren Festnetzkunden mehr als wir selbst. Das kann nicht gesund sein“, so Joussen. Vodafone steigt auf LTE um und könnte andere mitziehen:  Schon haben Analysten errechnet, wie die United Internet AG  – mit der Marke 1&1 im LTE-Geschäft – durch einen Umstieg ihrer Kunden auf LTE den Gewinn steigern kann: Wechseln 40 Prozent der Kunden von DSL auf LTE, steigt der Gewinn um 8 Prozent.  Die Frage ist, wie realistisch ein solches Umstiegs-Szenario für Vodafone ist.

Der Ausstieg: Den eigenen Gewinn mehren, bei Investitionen sparen

Jahr für Jahr 500 Millionen Euro an den größten Konkurrenten abzudrücken, das tut richtig weh. Verständlich also, dass Vodafone-Chef Joussen diese Kosten am liebsten erst gar nicht in der Bilanz sähe. So gesehen könnte der angedrohte Ausstieg ein Druckmittel sein, um neue Preise für die Festnetzleitungen auszuhandeln. Die Frage ist, wie glaubwürdig diese Drohung ist. Betrachten wir also einmal die Argumente, die dafür sprechen, das Vodafone die Ankündigung auch umsetzt.

Die deutsche Vodafone ist in einen britischen Mobilfunk-Konzern eingebunden.  Das Hauptgeschäft dieses internationalen Konzerns ist Mobilfunk. Das war auch bei der deutschen Vodafone so – bis zur Übernahme der Arcor und deren Festnetz im Jahr 2008. Seitdem ist Vodafone nicht nur Mobilfunk- sondern auch Festnetzanbieter. Vodafone wäre nicht das erste Unternehmen, das sich nach einem Ausflug in  verwandte Branchen wieder aufs eigene Kerngeschäft zurückzieht – weil dies profitabler ist.

Der Ausstieg macht auch im Hinblick auf den Ausbau der LTE-Netze Sinn. Denn Vodafone würde die schnellen Kabelnetze, die es seit der Arcor-Übernahme besitzt, nicht verkaufen, sondern für den LTE-Ausbau nutzen, so hat das Internetprotal „golem.de“ aus dem Unternehmen erfahren. Auch das macht Sinn: Bei den neuen schnellen LTE-Netzen ist es nicht damit getan, die Funktürme aufzurüsten. Man braucht auch viele schnelle Datenleitungen, mit denen diese Funktürme dann an das Kern-Netz angeschlossen werden. Hier könnte Vodafone bei den Investitionen viel Geld sparen, wenn es sein Festnetz dafür nutzt.

Bei einem gelungenen Umstieg auf LTE kann Vodafone seinen eigenen Gewinn mehren und bei den Investitionen ins neue Vodafone LTE-Netz eine Menge Geld sparen. Das sind gewichtige Gründe, die für einen Ausstieg sprechen.

Das spricht gegen einen Ausstieg: Fernsehen ist der Schwachpunkt

Es gibt allerdings auch Argumente, die gegen einen Ausstieg aus dem Festnetz und die Konzentration auf LTE sprechen. Schon bei Festnetzleitungen kann man nur bedingt bestimmte Mindestgeschwindigkeiten bei der Datenübertragung für einen Internet-Anschluss garantieren. Bei Mobilfunknetzen ist dies unmöglich: Die Geschwindigkeit hängt eben immer davon ab, wie viele Teilnehmer gerade über eine Mobilfunkstation mit dem Internet verbunden sind.

Derzeit ist Telefonieren über LTE-Netze weltweit nicht möglich, Vodafone müsste also erst eine entsprechende Infrastruktur samt neuer Technik aufbauen, um Internetanschlüsse plus Telefonieren per LTE möglich zu machen.  Dieses Problem könnte man aber – grob geschätzt – innerhalb eines Jahres lösen.

Mit dem Abschied aus dem Festnetz wird sich Vodafone freilich auf lange Zeit als Anbieter von allen Diensten aus einer Hand – Internet plus Telefon plus Fernsehen – vom Markt verabschieden. Denn Fernsehen per LTE – das erscheint derzeit technisch gesehen nicht realistisch angesichts schwankender Übertragungsgeschwindigkeiten. Andererseits ist Fernsehen per DSL – das sogenannte IP-TV – geschäftlich gesehen derzeit kein Renner: gerade mal 600 000 Haushalte in Deutschland nutzten 2010  einen solchen Anschluss, so die Bundesnetzagentur.

Die meisten Menschen empfangen Fernsehen per Satellit oder per TV-Kabel. Vodafone könnte auf die Besitzer von Satellitenschüsseln setzen und einen Recorder anbieten,  der den Empfang über die Schüssel unterstützt und über LTE Dienste wie Video auf Abruf anbietet. Das kommt den Kunden dann insgesamt womöglich billiger, als Telefon plus Internet plus Fernsehen bei der Telekom.  Fernsehen ist die schwache Stelle in der neuen Strategie von Vodafone – wenn sie denn umgesetzt wird. Denn mit Fernsehen wird Vodafone dann im Gegensatz zur Telekom nichts dazuverdienen.

Vodafone steigt aus: Der Markt sortiert sich neu

Der Ausstieg Vodafones aus dem Festnetzmarkt stärkt die verbliebenen Wettbewerber. Da sind erstens die Betreiber von Fernsehkabelnetzen, die dann noch stärker an Boden gewinnen: Sie bieten heute den vollen Dreierpack von Telefon und Fernsehen und einen Internetanschluss per Festnetz, der mittlerweile gut ausgebaut und oft deutlich schneller ist als das, was Telekom oder Vodafone offerieren können. Sie können in ihren jeweiligen Regionen auch den Ausbau per Glasfaserkabel vorantreiben.

Da ist zweitens die deutsche Telekom. Sie wird nach einem Ausstieg von Vodafone aus dem Festnetz auf absehbare Zeit der einzige Marktteilnehmer sein, der bundesweit den Ausbau von Glasfasernetzen vorantreibt – kein schöner Gedanke.

Und schließlich wird beim Aufbau der neuen Glasfasernetze, die bis ans Gebäude oder bis ins Gebäude reichen ein dritter bislang unbemerkter Wettbewerber wichtiger: Regionale Unternehmen, die den Glasfaserausbau in ihrem Gebiet vorantreiben. Das können Telekommunikationsanbieter wie Netcologne sein oder lokale Stadtwerke, die bisher mit Strom und Gas ihr Geld machten und nun sozusagen nebenher mit neuen Leitungen immer auch neue Glasfaserkabel mit verlegen.

Autor: et